urban-social gGmbH
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Deutsch-Französische Jugendbegegnung
"Von der Straße auf die Bühne: Streetdance im Theater"
mit Mädchen und Jungen aus Marzahn-Hellersdorf und Nanterre
vom 22.11. - 01.12.2009

 



Die Deutsch-Französische Jugendbegegnung "Von der Straße auf die Bühne: Street-
dance im Theater" mit Jugendlichen in sozial und finanziell problematischer Situation
aus Sozialräumen/marginalisierten Quartieren großstädtischer Peripherien und
urbanen Stadtteilstrukturen sozialer Zentren (Berlin/Marzahn-NordWest bzw. Nanterre/
Quartier du Parc [Association les 4 Chemins]) wurde durch die urban-social gGmbH
und bei zusätzlichem Engagement durch die Jugendinitiative des Hauses „Pro-social“
vorbereitet, konnte aber letztlich nur durch den kurzfristigen und unmittelbaren Kontakt
mit den französischen Partnern bei einem klärenden, außerplanmäßigen und durch
das DFJW unterstützten Gespräch in Nanterre gesichert werden.

In der Associaltion les 4 Chemins entstand mit dem Unfalltod des verantwortlichen
städtischen Koordinators für die Zusammenarbeit von Kommunalverwaltung, sozialen
Einrichtungen und Partnerorganisationen, Patrick Pochet, eine informelle sowie organi-
satorische Lücke, die mit einem Treffen, an dem Mitarbeiter/innen sowohl des Nanterrer
Rathauses als auch sozialer Verbände der Stadt teilnahmen, ausgefüllt werden sollte.

Im Ergebnis wurde das fortbestehende Interesse an dieser, wie an weiterer gemeinsa-
mer Projektarbeit im Jugendaustausch – vor allem auch aus der Sicht des konsequen-
ten Engagements für Jugendliche in Problemsituationen - konstatiert und entsprechen-
de Vereinbarungen hierzu für das Jahr 2010 getroffen.

Hierbei kam es letztlich auch zur Diskussion zu Zielgruppen und Inhalten der Deutsch-
Französische Jugendbegegnung "Von der Straße auf die Bühne: Streetdance im Thea-
ter". Zwischen den Partnern bestand von vornherein einheitliche Sicht auf die Zielgrup-
penbestimmung und die Schwerpunkte der Programmgestaltung.




Erste Verständigung. Rechts: Daniel stellt Scampia (Peripherie im Norden Neapels) für ein mögliches
neues trilaterales Partnerprojekt (Marzahn-Hellersdorf, Nanterre, Scampia) vor.


  


So, wie beim Treffen der Partner in Nanterre vorgeschlagen und besprochen, konnte
das Programm der Begegnung in seinem interaktiven, - disziplinären und –kommunika-
tiven Kontext und im Anspruch auf das Moment des integrativen, jugendrelevanten
sowie denk- und verhaltenssignifikanten (sub-)kulturellen Motivationsschubes als auch
des partizipativen Details gemeinsamer Aktion und individuellen Anspruchs im „Projekt
im Projekt“ bestätigt und im Begegnungsverlauf auch realisiert werden.

Obgleich einer inzwischen nur sehr kurzfristigen Zeitspanne vermochte des die Asso-
ciation les 4 Chemins in Nanterre gleichwohl der urban-social gGmbH, die jungen Teil-
nehmer/innen auf die wesentlichen Inhalte der Begegnung vorzubereiten.

In Berlin verlief dieser Prozess relativ unkompliziert und konnte sich auf die mitwirken-
de Vorbereitung durch die Jugendinitiative stützen, während es durch verschiedene
Jugendliche der Partnereinrichtung zu einzelnen Programmpunkten z. T. konträre Posi-
tionen und eine vorerst abneigende Einstellung gab (z. B. Besuch einer Schule in Mar-
zahn; Gespräch mit dem Präventionsteam der operativen Gruppe Jugendgewalt der
Berliner Polizeidirektion 6; Sport gegen Gewalt: „Taekwondo für Toleranz“).
Im Programmverlauf stellten sich letztlich auch für den Einstieg in die gemeinsame Ar-
beit im Projekt entsprechende Anforderungen an die Motivation der Jugendlichen aus
Nanterre. Hier erwiesen sich die Mädchen und Jungen der Jugendinitiative in der Ge-
samtheit der Teilnehmer/innen als durchaus mobilisierend.


 

Viel Spaß in gemischten Kleingruppen: Stadtrallye. Auf der “Spurensuche” nach “Paris in Berlin”

 



Die urban-social gGmbH wertete die anfängliche „Negativ“-einstellung zu bestimmten
Maßnahmen als durchaus normal und erwartet und verband hiermit die durchaus posi-
tive und aktivierende Richtung, die sowohl mit der Begegnung im Allgemeinen als auch
mit einzelnen Programminhalten und „Projekten im Projekten“ im Besonderen, letztlich
in der direkten gemeinsamen Erlebbarkeit, verbunden war. So war sie denn auch wieder-
holt in der Lage, lokale und regionale Programmpartner rechtzeitig auf die (gewollte)
Zielgruppenidentität, auf Kontroversen sowie mögliche Vorbehalte vorzubereiten und hin-
zuweisen („je mehr Reibung und Konflikt desto spannender die Maßnahme und deren
Ergebnis“).

In der letztlich auswertenden Beurteilung des Begegnungsverlaufs waren sich die Ju-
gendlichen einig, mit dieser Maßnahme in eine neue, jeweils individuell nunmehr
äußerst positiv beurteilte Situation gekommen zu sein, die ihnen selbst zwar oft Über-
windung abforderte, andererseits aber ihr nachhaltiges Sein maßgeblich zu beein-
flussen vermochte.

Die Jugendlichen lernten sich mit Begegnungsbeginn sehr schnell, unkompliziert und
im Verlaufe der Begegnung sogar in freundschaftlicher Gemeinsamkeit kennen.
Erstes Anzeichen hierfür war zum Beispiel die Tatsache der völligen Vermischung wäh-
rend des Essens und in der Programmaktion.
Einigen Mädchen und Jungen aus Marzahn-Hellersdorf kam ihr persönliches Interesse
an einem „Einstieg“ in französische Befindlich- und Begrifflichkeiten im sprachlichen als
vor allem auch im visuellen Bereich, der Extraktion relevanter Informationen und Situa-
tionen, zugute. In dieser Richtung hatte sie sich bereits die Jugendinitiative auf die Be-
gegnung vorbereitet und auf das Programm Einfluss genommen.

Insgesamt fühlten sich die Gruppen besonders auch hinsichtlich der weitgehend über-
einstimmenden Gebundenheit an bestimmte, sozialraumorientierte Paradigmen kogniti-
ver Momente in ihren Beziehungen zu Information, zum Lernen und zur Wahrnehmung
des Begegnungsalltages sowie in den Befindlichkeiten zu eigenen pragmatischen
Kommunikations- und Aktionsansätzen im Dissens und Konsens von Teamwork und
individueller Motivation, zunehmend miteinander verbunden.


 Taekwondo für Toleranz


Es gelang gut, den Jugendlichen ihren eigenen Anteil am Gelingen der Begegnung zu
vermitteln, sie als Akteure im Programm zu gewinnen und ihre Widersprüche zu
bestimmten Inhalten positiv aufzulösen und zu nutzen. Letztlich erreichte die Mitwir-
kung und Teilhabe an den Maßnahmen ein vordergründiges und nachhaltiges Interesse
aller Teilnehmer/innen.
Die Partizipation der Jugendlichen an Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der
Maßnahmen erfolgte mit ihrer direkten und unmittelbaren Einbeziehung/Entscheidungs-
findung in den Begegnungsverlauf.
Sie waren der Ausgangspunkt des Projekts, standen in deren Mittelpunkt und erwiesen
sich letztlich auch als ursächlichen Adressaten der Wirkungen, die von ihnen selbst,
von den gemeinsamen Aktivitäten ausgingen. So gelang es, aus Abstand und emotio-
neller Distanz (auch anfänglicher, offener Abneigung) zu Nähe und Engagement zu kom-
men:

So bestanden z. B. hinsichtlich verschiedener Programminhalte Diskrepanzen, die 1.)
in der Ausgewogenheit des Programmverlaufs weitgehend ausgeglichen werden konn-
ten und die 2.) mit der direkten Erlebbarkeit der jeweiligen Maßnahme (mit neuen Er-
leb- nissen, Erkenntnissen und entsprechenden Freiräumen zur Diskussion) positiv auf-
gelöst wurden.

Beispiele:
 
- Gespräch mit der Präventionsgruppe der operativen Gruppe Jugendgewalt der Berliner
Polizeidirektion 6 (Assoziationen: „ein Gespräch kann nichts bringen“, „Dialog ist nicht
möglich“ [Konfrontation statt Meinungsaustausch], „Polizei ist Feind“ …).
So waren die Jugendlichen denn auch überrascht, mit jungen Polizisten „überhaupt
sprechen zu können“, „denen etwas sagen zu können“, sie z. T. verbal aber ohne
Konsequenzen „provozieren zu können“ und etwas über die „Legitimation in der Wahr-
nehmung von demokratischer Gesetzlichkeit“ sowie „sozialer und jugendpädagogi-
scher Kompetenz“ der OGJ im Kampf gegen Jugendgewalt zu erfahren.
Überhaupt zeigten sich insbesondere die französischen Mädchen und Jungen über-
rascht, dass die Berliner Polizei auch präventiv arbeitet und eher „als Partner“ denn als
„Gegner“ bereit ist, mit Jugendlichen, unabhängig von Migrationshintergrund sowie
sozialer Befindlichkeiten und Abhängigkeiten im Quartier/Sozialraum ins Gespräch zu
kommen. Sie nutzten das Angebot denn auch, um über „ihre Erfahrungen“ mit der
Polizei zu berichten und bemühten sich letztlich um eine, zumindest in Ansätzen, ge-
meinsame Sicht. Anfängliche Vorbehalte lösten sich obgleich skeptischer Wahrneh-
mung in Interesse auf.




Im Gespräch mit dem Präventionsteam der operativen Gruppe Jugendgewalt (OGJ) der
Berliner Polizeidirektion 6

 
- „Projekt im Projekt“. Die Entscheidung zur eigenen Mitwirkung in einem der Pro-
grammprojekte „Streetdance“ bzw. „Schwarzes Theater“ lief bei einigen Jugendlichen
mit absichtlicher Verzögerung und teilweisem Desinteresse an.
Mit einsetzender Aktion, der Schaffung von Freiräumen für Eigeninitiative und -kreati-
vität sowie der konsequenten Einbindung aller Mädchen und Jungen in die Probenar-
beit konnte bereits nach kürzester „Anlaufphase“ eine völlig engagierte Teilnahme an
den Projekten erreicht werden. Hieraus resultierend leitete sich dann auch der beson-
dere Stolz auf das Ergebnis der Workshops – eines öffentlich aufgeführten und gefei-
erten Bühnenprogramms in der Marzahner Jugendfreizeiteinrichtung „Fair“ ab. Im abschließenden Feedback der Begegnung kam gerade der gemeinsamen Projekt-
arbeit in den Workshops und der Theater-/Tanz-Premiere ein wichtiger Stellenwert in
der Artikulation von „Spaß“, „action“, „öffentlicher Anerkennung“, „Wertung der Eigen-
leistung“ etc. im Gesamtprogramm zu.
 
- Erarbeitung von Gruppenpräsentationen zu Vorurteilen „der Deutschen“ über „die Fran-
zosen“ und „der Franzosen“ über „die Deutschen“.
Nach einer ersten Skepsis Jugendlicher aus der französischen Gruppe, für die Erar-
beitung einer solchen Präsentation innovativ und kreativ genug zu sein und mit der
Idee auch eine entsprechende Umsetzung zu finden, wurde das Projekt letztlich
überzeugend und mit viel Freude realisiert. Hierzu war es erforderlich, den Mädchen
und Jungen Mut zu machen, ihnen im Gespräch mit Teilnehmer/innen aus Marzahn-
Hellersdorf klarzumachen, dass es um eine „spielerische“ Auseinandersetzung geht,
in der Klischees so dargestellt werden sollen, wie sie in dem jeweiligen Land, durch
Bekannte, Freunde, in der öffentlichen Meinung usw. wahrgenommen werden.
In der anschließenden Präsentation der Zusammenstellung von Vorurteilen überzeug-
ten die teilnehmenden Gruppen durch Meinungsvielfalt und Freude an der Argumen-
tation. Wichtig war beiden Gruppen die gemeinsame „Abmachung“ sich in Toleranz
zu proben und bei der Benennung von Vorurteilen nicht auf das Meinungsbild des
jeweils anderen Teams sondern ausschließlich auf die Darstellung von „außen“ zu
schließen. Jeder Gruppe wurde genug Zeit eingeräumt, um für oder gegen dieses
oder jenes „Bild“ zu argumentieren.

Für die erarbeiteten „Synonyme“ französischer Lebensart durch die deutsche Gruppe
gab es weitgehende Bestätigung durch die Jugendlichen aus Nanterre (die Franzosen
essen gern Käse, Croissants und Baguette, sie trinken Rotwein, beliebt sind Crepes
als das Pendant zum „Berliner Eierkuchen“. Paris ist bekannt als „Stadt der Liebe“
und das Kondom ist bei den Deutschen „der Pariser“. In Frankreich, so die deutschen
Jugendlichen, gäbe es ausgesprochen viel Kreisverkehr und gegessen werde dort
„tageszeitversetzt“. Überhaupt seien die Franzosen oft unpünktlich. Frankreich ist ein
Land der Kunst – besonders der Malerei und die Künstler tragen meist kleine Bärt-
chen. Die französischen Jugendlichen hören immer und überall Musik per mp3-Player
und tragen gern quer gestreifte T-Shirts.

Zur freundschaftlichen Auseinandersetzung kam es zum Meinungsbild der deutschen
Gruppe, die französische Sprache klinge, „halb gesungen“ und in „hoher Tonlage“,
schwul.
Dieses Vorurteil wollten die Mädchen und Jungen nicht bestätigen.


  

Ein Spiel um Vorurteile „der Deutschen“ über „die Franzosen“ und „der Franzosen“ über „die Deutschen“

 


 
  Anders die Klischees der französischen Freunde zu „den Deutschen“. Hier kam es zu
einer echten (freundschaftlichen aber sehr deutlichen) Diskussion insbesondere im
Zusammenhang mit Vorurteilen, die von den Berliner Jugendlichen Widerspruch he-
rausforderten. Neben mehr oder weniger bestätigten Bildern über „die Deutschen“
(„die Deutschen lieben schnelle Autos und sind gegen Geschwindigkeitsbegrenzun-
gen auf Autobahnen“, sie „unterscheiden sich in ihrer Mentalität auch nach dem
Mauerfall noch als Deutsch-West und Deutsch-Ost“, in Deutschland seien die „Ziga-
retten billiger und das Benzin teurer“, die „Röcke der Mädchen kürzer“ und die Hooli-
gans extremer und gewaltbereiter. Die Deutschen, so die französischen Jugendlichen,
„essen gern Schweinefleisch“, sind stolz auf „Tokyo Hotel“ und „Derrick“ [mit „Derrick“
konnten die Jugendlichen aus Marzahn-Hellersdorf allerdings nichts anfangen und
staunten über die Beliebtheit eines deutschen „Filmkommissars“ im französischen
Fernsehen]. Viele deutsche Jugendliche leben autonom und trennen sich frühzeitiger
von den Familien [Eltern, Großeltern], kleiden sich alternativ, hören „harte“ Musik
und lieben Graffiti).

Während die Berliner Mädchen und Jungen das Klischee vom „Biertrinkenden Deut-
schen mit Lederhosen“, der „alles-nach-Plan Funktionalität“ oder „der harten, schwer
auszusprechenden Sprache“ belustigt aufnahmen, kam es bei der Benennung des
Vorurteils „die Deutschen sind Nazis“ [in der Präsentation durch Hakenkreuz und
SS-Runen dargestellt] und „die Deutschen lieben es blond und blauäugig zu sein
[vorerst hatten die Jugendlichen ein Problem, dieses Klischee entsprechend ein- und
zuzuordnen]“, zu einer Konfrontation in sachlicher (!) Diskussion und eindeutiger
Abgrenzung.
Hier bekannten sich die Mädchen und Jungen aus Marzahn-Hellersdorf sehr deutlich
zu Antifaschismus, Antirassismus und Humanismus. In der Diskussion wurde sehr
schnell klar, dass die Jugendlichen aus Nanterre in der Präsentation nicht ihre eigene
Meinung darstellten sondern, wie vereinbart, über Vorurteile berichteten, die ihnen
bekannt seien.
Das Spiel um „Vorbehalte“ war als Toleranzspiel angelegt und brachte die Gruppen
näher. Es erwies sich als beste Methode zur Überwindung von Klischees und Negativ-
bildern.
 
- Führung, Unterrichtsstunde und gemeinsamer Gesang in der Tagore-Schule Marzahn.
Die zunächst zum Teil ablehnende Haltung eines Teils der Jugendlichen, im Pro-
gramm einer Begegnung „freiwillig“ eine Schule zu besuchen (hier spielte vor allem
auch die Unsicherheit eine Rolle, sich vor den anderen „blamieren“ zu können) hatte
mit der Leitung durch eine sozialpädagogisch ambitionierten Französisch-Lehrerin
sowie bei entsprechendem Feeling und mit der Maßgabe, gemeinsam „spielerisch“
zu lernen (zeigen, wie lernen Spaß machen kann), den erwarteten Erfolg.
Die Mädchen und Jungen kamen in kleinen „Unterrichtsgruppen“ sehr schnell zusam-
men und vermittelten sich, unter lockerer Anleitung zum „Wie“ und zum „Wer mit
Wem“ Grundbegriffe der jeweiligen Sprache. In der Zusammensetzung ergab das
Vokabular letztlich die Strophe eines Liedes, dass dann auch, bei einfacher Melodie
und instrumenteller Begleitung gemeinsam gesungen wurde.
Auch hier konnte aufgezeigt werden, wie aus anfänglicher Skepsis Freude an der
Aktion und Interesse mit- und füreinander entwickelt werden kann.



Besuch, „Schnupperkurs“ und gemeinsamer Gesang in der Tagore-Schule Marzahn

Als wesentliches Kriterium der Begegnung galt – auch hinsichtlich von Programmpräzi-
sierungen und –abläufen der ununterbrochene Kontakt der Jugendlichen untereinander,
die Überwindung von Vorurteilen und der Abbau sprachlicher Barrieren sowie das parti-
zipative Moment im bewussten Erleben des als beeinflussbar geltenden Tagesge-
schehens.
Mit der Jugendbegegnung verband sich, gefördert durch gewollte Förderung der Erkennt-
nis von gleichberechtigter Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit, die ständi-
ge Auseinandersetzung mit dem/der Anderen, dem Verständnis und Begreifen des
Andersseins (Toleranz und Akzeptanz) als Bereicherungen individueller Lebenswelten
und –auffassungen (Kultur, Religion, Beziehungsverhältnisse, Welt(an)sichten).

Die Ganzheit des Programms zielte auf Nachhaltigkeit und interaktives Lernen, auf inno-
vatives und kreatives Miteinander. Die Determinanten im Programmcharakter setzten in
ihrem Alltagsanspruch auf Partizipation, Einmischung und gemeinsame Aktion.
Synergieeffekte, die sich letztlich aus der Programmkonstellation im Zusammenhang
didaktischer Ansätze interkulturellen Lernens ergaben, zeigten sich in kritischer/selbst-
kritischer Reflexion eigener Positionen und wirkten, insbesondere auch bei der Gruppe
Jugendlicher aus Marzahn-Hellersdorf, die in ihrer bisherigen verengten Kiez-Einbindung
mit wenig „Außenkontakt“, besonderen Integrationsbedarf haben, zunehmend aktivie-
rend/mobilisierend.

Die urban-social gGmbH richtete sich im koordinierten Zusammenwirken mit der Ju-
gendinitiative „jede® anders – alle gleich“ des Hauses „Pro-social“ gezielt auf Methoden,
die sich wiederum, sowohl in der Projektarbeit (Workshops) als auch im geplanten wie
im zufälligen Begegnungsverlauf, bewährten.
Hierbei erwiesen sich unter anderem das Kommunikations-/Bewegungs-/Vertrauens-/Be-
ziehungs- und Rollenspiel als tägliche Methode im Miteinander als innovativ und kreativ.
Im Begegnungsverlauf kam insbesondere der Best-Practices-Projection in der Anwen-
dung anerkannter Methodik und neuer Orientierung eine entsprechende Bedeutung zu.


 


Oben: Kreativprojekt Papiermodenschau. Unten: Geselligkeits- und Reaktionsspiel: Jungle Speed - Jeu de
mains. Beliebt in Frankreich – jetzt auch in Marzahn-Hellersdorf.




Neben bewährten Formen des Spiels zum Kennen- und Verstehen lernen sowie des
Toleranzspiels galt besonders methodischen Ansätzen im interkulturellen Lernen in der
Verbindung von Programmdetail > Akzentuierung und Diskussion > Motivation >
Mobilisierung > ggf. klärender Dialog/Hilfestellung sowie > gemeinsamer Partizipation in
interaktiver und interdisziplinärer Aktion entsprechendes Augenmerk:

- Kreativwettbewerb „Papiermodenschau“. Erstellung von „Papiermoden“ mit Papier-
resten, Farben und bei Bereitstellung provisorischer Hilfsmittel;
- Stadtrallye – Das Auffinden, Informieren und Dokumentieren von Berliner Stadt-
zielen nach fotografischen Vorgaben (in gemischten Kleinstgruppen) und Animations-
aufgabe in Berlin bei Nutzung ÖPNV; Thema: „Spurensuche: `Paris in Berlin`“
- Toleranztraining im Taekwondo mit dem Vizepräsidenten des Berliner Taekwondo-
Verbandes, Fred Gierschner, als Methode gemeinsamer Aktion …
- Nationalitätenabend (gemeinsames Kochen und Programme)
- Geselligkeits- und Reaktionsspiele
- Diskussion zum Thema „Kulturpflanze Hanf. Droge ist doof“ im Berliner Hanfmuseum
- Vorstellung und Diskussion eines künftigen Projektvorschlages zum „Europäischen
Jahr des Kampfes gegen Armut und soziale Ausgrenzung“ mit Jugendlichen aus
Marzahn-Hellersdorf, Nanterre und Scampia (Peripherie im Norden Neapels) mit Film
und Vortrag über die Jugendszene in Scampia
- Vorstellung und Diskussion mit Sozialarbeiterinnen und Jugendlichen in den sozialen
Wohngruppen des Hauses „Pro-social“ („zu Hause in der Fremde?“)
- Tanz- und Theaterprojekt mit gemeinsamer Workshoparbeit in gemischten Gruppen
- Projektarbeit in Workshops (Schwarzes Theater: „Kommunikation ohne Worte“)
 

 

Links: Gedenkstätten-Exkurs. Blumenniederlegung an der Gedenkstele für europäische Zwangsarbeiter.
Rechts: Gespräch in den Jugend-Wohngruppen des Hauses „Pro-social“ („zu Hause in der Fremde?“)



Dem Anliegen der Begegnung wurde, insbesondere durch die gezielte Methode im Ta-
gesablauf (Erlebnis und Erkenntnis im Austausch – Einheit in der Vielfalt – Gebrauch
der Sprache als sozial-interaktives Moment von Dissens und Konsens [praktische Se-
mantik]) und der sich mit dem Programm ergebenden inhaltlichen Konzentration auf kog-
nitive, auf die kreative Umsetzung der Erkenntnis konzentrierte Aktion (über die Förde-
rung von Dialogbereitschaft in Abhängigkeit zu einem, aus der Situation heraus entste-
henden Verständnis füreinander in überwiegend spielerisch-kommunikativem Umgang
miteinander [interkulturelles Lernen und interkommunikative Aktion]) in Symbiose von
gemeinsamer Erwartung und individuellem Anspruch, entsprochen:

- Partizipation als Beitrag zur Festigung einer neuen Sicht auf das Leben;
- Brückenfunktion von Kultur und Kunst (traditionelle – Sub- und Jugendkultur);
- Möglichkeiten der Wahrnehmung und Ausprägung eigener Interessen und Talente;
- Miteinander der Jugendlichen in einem jungen Europa ohne Grenzen;
- Persönlichkeitsstärkung im Umgang mit der konkreten Situation im Kontext der For-
cierung von „Pro und Contra“;
- Innovatives Begreifen des Individuellen im Allgemeinen;
- Demokratischer Konsens im konstruktiven Streitgespräch und sachbezogenen Dialog
- Abbau von Vorurteilen, Gedanke der Akzeptanz der/des jeweils Anderen; Entwick-
lung/Förderung von Verständnis und Toleranz im Umgang miteinander;
- Auf- und Ausbau zwischenmenschlicher Kontakte (Entstehung und Festigung dauer-
hafter bzw. nachhaltiger Freundschaften);
- Verstehen eigener Befindlichkeiten im multikulturellen Kontext;
- Einbringen individueller Ansprüche und Erfahrungen (eigene Gefühls- und Erlebnis-
welt);
- Begreifen des Andersseins als Bereicherung (Andersleben/Andersdenken/ Anders-
lieben/Andersfühlen … kulturelle Vielfalt, Gender Mainstraiming als Normalität, Reli-
gionen, Welt(an)sichten ...);
- Kennen lernen von Vorzügen und Problemen Berlins und von Sozialräumen in Marzahn-Hellersdorf;
- Spiel, Spaß, Action und Fun

Mit dem Thema der Begegnung, der einheitlichen Zielstellung und den konkreten Pro-
gramminhalten zur Erreichung der Zielsetzung gelang es von vornherein, eine interes-
sante, die Gruppen/die Teilnehmer/innen gleichberechtigt einbeziehende und verbinden-
de Aktionsform der Austauschidee zu realisieren.
Im Zentrum aller Projektmaßnahmen stand, obgleich oftmals notwendiger Motivation im
Einzelnen, die Absicht nach gemeinsamer Partizipation.

Eine besondere methodische Relevanz hatten sowohl das Projekt „Tanz“ als auch
„Schwarzes Theater“ in der Workshoparbeit und letztlich in der Zusammenführung auf der
Bühne. Hier kam den Jugendlichen im Ensemble der Gesamtheit der Teilnehmer/innen
ihr jeweils eigener Platz zu, hier konnten sie sich in ihrer Individualität einerseits selbst
entdecken und eigene Ambitionen ausleben, andererseits den (ihren eigenen) Erfolg an
der gemeinsamen, aufeinander abgestimmten Arbeit in den Workshops (und letztlich
im Ergebnis auf der Bühne) messen.

Hierbei kam der sozialpädagogisch relevanten Führung der Workshops durch geeignete
Fachkräfte im jugend- und tanzpädagogischen Bereich (Motivation der Mädchen und
Jungen, Workshoparbeit bei weitgehend „offener“ Story und Choreografie [„eure Ideen
sind gefragt …“] und dem prognostizierten Erfolg durch eine Premiere auf „echter Bühne“
eine ganz besondere Bedeutung zu. Tatsächlich gestaltete sich die Erarbeitung des
eigenen Tanz-/Theaterspektakels und deren Aufführung vor ca. 100 Besucher/innen und
in Anwesenheit der Jugendstadträtin des Bezirks Marzahn-Hellersdorfs zu einer ein-
drucksvollen Wahrnehmung eigener Leistungsfähigkeit der Jugendlichen.




 

Vorbereitung des Nationalitätenabends. Traditionelle Küche aus Frankreich und Deutschland.
Gemeinsames Kochen und gemeinsames Programm.

 



Als außerordentlich pädagogisch relevant erwiesen sich vor allem tägliche Spielrunden,
die in der Konzentration das kommunikative und integrative Verhalten der Teilnehmer/in-
nen förderten.
Mit den Ansätzen pädagogisch-methodischer Projektausrichtung (Erlebnis-/Erfolgs-
Wahrnehmungspädagogik) gelang es, die Teilnehmer/innen in ein konstruiertes Stigma
zu führen (das Ergebnis der Begegnung hängt im Wesentlichen von Euch ab), welches
sie unmittelbar (heraus)forderte und ihnen Entscheidungen (auch im konstruktiven Streit)
und zum (un-)bewusst koordinierten Miteinander abverlangte (Kommunikationsspiele;
Kreativprojekt; emotionale und rhetorische Herausforderungen [was empfinde ich/Du/wir
z. B. nach dem Exkurs zu den Gedenkstätten von antifaschistischem Widerstand und
Zwangsarbeit im Nationalsozialismus oder im Zusammenhang mit der Erarbeitung von
Präsentationen zu Vorurteilen „der Deutschen“ über „die Franzosen“ bzw. „der Franzo-
sen über „die Deutschen“]).

Die sprachliche Verständigung im Programm wurde in der Relevanz kommunikativen
Austauschs „vom Wort → zum Satz → zum Dialog“ durch die Jugendlichen als Teil des
Miteinander begriffen und, neben dem ohnehin bestehenden Bedürfnis, sich in der
Sprache des/der jeweils anderen einfach und unkompliziert mitteilen zu können, vor-
wiegend im Wort-/Information-/Darstellungsspiel angewandt.
Ein Teil der deutschen Jugendlichen verfügte bereits über Minimalkenntnisse der fran-
zösischen Sprache. Die Notwendigkeit, sich miteinander – auch ohne Hilfe, verständi-
gen zu können, förderte das nonverbale Miteinander als auch die Bereitschaft und den
Willen der Mädchen und Jungen, die jeweils andere Sprache so verstehen und anwen-
den zu können, dass eine einfache Kommunikation möglich ist ein Austausch über
eigene Ansichten und Befindlichkeiten möglich ist. Es scheint uns offensichtlich, dass
sozial benachteiligte Jugendliche in der Gemeinschaft sehr einfach und unkompliziert
eine „gemeinsame Sprache“ finden und sich untereinander zu verständigen in der Lage
sind (hier gibt es keine „Hemmschwelle“, etwas falsch zu sagen … und das Gefühl, mit
dem, was ausgedrückt werden soll auch verstanden zu werden).

Positiven Effekt hatte, neben den täglichen Animations- und Sprachspielen sowie der
sprachlichen Abhängigkeit zur Verständigung untereinander, z. B. die Aufgaben zur Prä-
sentation oder die Stadtrallye, bei der kleine, gemischte Gruppen bestimmte Ziele („Paris
in Berlin“) zu finden/zu dokumentieren/zu präsentieren hatten.
Für die Führung eines dauerhaften und präzisen Dialogs/Erfahrungsaustausch und die
eigentliche Übersetzung im Programm war eine entsprechende Sprachmittlung notwen-
dig, die gut funktionierte sich direkt in das Gesamtprogramm einfügte.

Im Zusammenhang mit bestimmten Programminhalten entstanden Präsentationen durch
die Gruppen (Stadtrallye „Paris in Berlin“, Gruppendarstellung „Vorurteile“) sowie ein
Videomitschnitt zum Projekt „Streetdance und Schwarzes Theater“.


 
Führung Hanfmuseum und Diskussion: „Kulturpflanze Hanf. Droge ist doof“


Mit der Entwicklung und Festigung nachhaltiger Freundschaften, die sich nunmehr, im
Nachhinein der Begegnung in Kontakten per Mail, Chat und über soziale Netzwerke
vollzieht, sprechen sich die Jugendlichen sowohl aus Nanterre als auch aus Marzahn-
Hellersdorf, für eine unbedingte Weiterführung des Austausches aus.

Programm- und Tagesereignisse wurden über die Begegnung täglich im lockeren Ge-
spräch ausgewertet.
Im abschließenden Feedback vermittelten die Mädchen und Jungen sowohl aus Mar-
zahn-Hellersdorf als auch aus Nanterre den besonderen Bezug zu den neuen Freunden
und lobten die Programmgestaltung. Besonders auch aus der Sicht der Jugendlichen
war die Begegnung dazu angetan, Freundschaften zu fördern, zu neuen partnerschaft-
lichen Erkenntnissen zu kommen sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Alltags-
leben von Deutschen und Franzosen insbesondere hinsichtlich der jugendkulturellen
Interessen und Ambitionen, zu entdecken.
Im Ergebnis der Programmauswertung durch die französischen Jugendlichen wurde
wiederholt vor allem die „kritische Sicht der Teilnehmer/innen aus Marzahn-Hellersdorf
auf die eigene, die deutsche Geschichte“ als beeindruckend empfunden.

Besonderer Dank kam der Jugendinitiative „Jede® anders – alle gleich“ des Hauses
„Pro-social“ zu.

Gerade auch im Kontext des gemeinsamen (Er-)lebens des Begegnungsprogramms und
der hier entstandenen Freundschaften, kam es zu einer emotional sehr intensiv gepräg-
ten Verabschiedung der Jugendlichen.




Workshop Schwarzes Theater

 

Ankündigung zur Premiere in der Jugendfreizeiteinrichtung „Fair“. Stolz und Glücklich: Erfolg bei der
Premiere.

 




Auch hinsichtlich der Tatsache, dass es sich nicht um die erste Maßnahme mit dem
französischen Partner aus Nanterre handelte, kann eingeschätzt werden, dass der
besondere Aufwand in der vorbereitenden Verständigung und verbindlichen Absprache
und Koordination letztlich durch den Begegnungserfolg gerechtfertigt ist.
Die urban-social gGmbH dankt in diesem Zusammenhang besonders auch der unter-
stützenden Hilfe durch die verantwortlichen Mitarbeiterinnen in Zentralstellenkompetenz
des AWO-Bundesverbandes, Carola Schmidt und Antje Quast sowie Heike Hartmann
vom Deutsch-Französischen Jugendwerk.

Die urban-social gGmbH setzt auch im weiteren deutsch-französischen Jugendaustausch
auf die Einbeziehung von Mädchen und Jungen aus benachteiligten Sozialräumen und
Lebenssituationen. Sie konzentriert sich in ihrem Anliegen, Begegnungsprogramme für
die Stärkung und Festigung von solidarischem Miteinander und freundschaftlicher Aktion
zu nutzen, von gemeinsamen Projekten sowohl innovativ als auch kreativ zu partizipieren,
Toleranz und Akzeptanz im Alltags(er-)leben zu forcieren und letztlich neue Denk- und
Verhaltseinstellungen insbesondere zum interkulturellen Lernen zu fördern.


Hans-Jörg Muhs
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